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+++ Von "Bibi Blocksberg" bis "TKKG". Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive
(Verlag Barbara Budrich) +++

 
 
Was der Buchumschlag verspricht ...
CoverbildWas ist uns bisher von den HeldInnen unserer Kindheit verborgen geblieben? Handelt es sich bei Benjamin Blümchen um einen ökologisch-bewegten Wutbürger, ist das Sams ein anarchischer Romantiker und Pippi Langstrumpf das Versprechen einer Erziehung nach Auschwitz? Mit großer Empathie für den Gegenstand beantworten die AutorInnen solche und ähnliche Fragen über beliebte Kinder- und Jugendhörmedien aus der Sicht der Kultur- und Gesellschaftswissenschaften.

Bibliographische Angaben:
Oliver Emde / Lukas Möller / Andreas Wicke (Hrsg.): Von "Bibi Blocksberg" bis "TKKG". Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, Opladen 2016 [Verlag Barbara Budrich], 176 Seiten, € 19,90, ISBN: 978-3-8474-0692-1, veröffentlicht am 23.05.2016

Rezension
Wenn sich eine wissenschaftliche Aufsatzsammlung gemäß Untertitel dem Phänomen der Kinderhörspiele und einigen ihrer populärsten Vertreter "aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive" nähert, könnte das bei erwachsenen Hörerinnen und Hörern einen Kulturschock auslösen - zu ungewohnt erscheint womöglich eine derart tiefgründige Analyse akustischen Kinderkrams. Wirklich neu ist dieser Ansatz aber keineswegs: kommerzielle Hörspiele, zumeist im Kontext kinder- und jugendliterarischer Medienverbünde produziert, sind schon seit den 1970er Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. In überwiegend literaturdidaktischen und pädagogischen Beiträgen oder Handreichungen wurden sie (bis in die 1990er Jahre hinein und gelegentlich bis heute) vornehmlich mit ideologischer Verve bekämpft und als unterhaltungsindustrielle Berieselung gegeißelt. Differenzierte Darstellungen suchte man in akademischen Veröffentlichungen nicht selten vergebens; viel zu oft wurden die populärsten Serien nur mit spitzen Fingern angefasst und ihrer Bedeutung für den Markt wegen pflichtschuldig abgehandelt. Ausnahmen von dieser Regel erschöpften sich im Printbereich zuletzt nahezu ausschließlich in pseudofeuilletonistisch verbrämten Werken oder unverfroren als Journalismus getarntem PR-Geschreibsel. Dass es bis zum Jahr 2016 gedauert hat, überrascht durchaus, aber nun präsentieren Oliver Emde, Dr. Lukas Möller und Dr. Andreas Wicke mit Von "Bibi Blocksberg" bis "TKKG". Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive den ersten ernsthaften, weder zu dünnen, noch zu schweren und somit leicht erschwinglichen Sammelband - als vorläufige Bilanz zahlreicher Beiträge zu den interdisziplinären Ringvorlesungen mit gleichnamigem Titel, die im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften an der Universität Kassel in den Sommersemestern 2014 und 2015 stattfanden - in diesem Sommersemester wurde die Reihe mit weiteren Vorlesungen fortgesetzt, dürfte aber nun zum ohnehin geplanten Ende gekommen sein.

Dass in der breiten Öffentlichkeit wissenschaftlichen Publikationen zu Kinderhörspielen bislang kaum nennenswerte Resonanz zuteil wurde, muss man sich vergegenwärtigen, um die bisherige Reichweite des neuen Buches zu ermessen: etliche Interviews und Features vor allem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf verschiedenen Sendern sowie Artikel auf einigen weiteren Online-Medienportalen zeugen vom publizistischen Interesse (allein ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein schindete im Sommerloch selbstgefällig, erratisch und ahnungsbefreit Zeilen, indem er die Publikation ins Lächerliche zu ziehen und ihre Herausgeber persönlich zu diskreditieren versuchte - was diese wiederum hoffentlich sportlich nahmen und unterm Strich als Erfolg verbuchen).

Der Sammelband ist kein Kompendium und konstruiert auch keinen Kanon, folglich ist er von Vollständigkeit weit entfernt; vielmehr werden die meisten Vorträge der ersten beiden Ringvorlesungen zusammengefasst, die ursprünglich der inhaltlichen Vorgabe folgten, dass die behandelten Stoffe entweder ausschließlich oder im Medienverbund als Hörspiel vorliegen sollten: so entstanden Analysen von Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg, Fünf Freunde, Ein Fall für TKKG, Masters of the Universe, Pippi Langstrumpf, Momo, Jim Knopf und den Sams-Geschichten im Lichte der Erziehungswissenschaften, Politikdidaktik, Soziologie, Entwicklungspolitik, Geschichte bzw. Geschichtsdidaktik, Literaturwissenschaft und -didaktik oder der Kunstgeschichte (drei gehaltene Vorträge zu Asterix, Ein Fall für TKKG und Die Ferienbande fehlen). Da sich jeder Beitrag ausschließlich einer Serie (bzw. bei Michael Ende einem einzelnen Buch bzw. zweiteiligen Werk) widmet, kommen in dem Sammelband viele Serien, ja, ganze Hörspielgenres praktisch gar nicht vor. Neben vielen anderen Serien, die eine gründliche, wissenschaftlich fundierte Würdigung oder Abrechnung verdient hätten, erstaunt vor allem die Abwesenheit der drei ???. Wieso sich in den Sommersemestern 2014 und 2015 niemand fand, um über sie mit einem geeigneten Thema zu referieren, bleibt im Dunkeln. Dass die Serie nicht für sakrosant erklärt wurde, bewiesen immerhin zwei Vorträge in diesem Sommersemester, die es jedoch (wie auch weitere neue Vorträge zu Oliver Twist, Tim und Struppi, Isnogud und Die Alsterdetektive) nicht mehr in die Erstauflage des Buches schafften.

Die Autorinnen und Autoren sind allesamt vom Fach, so dass sich automatisch die Gretchenfrage stellt, wie die vermutlich allesamt mit Kinderhörspielen sozialisierten WissenschaftlerInnen es mit der Distanz halten, die zum jeweiligen Forschungsobjekt zu halten ist? Mögen die Herausgeber in der Einleitung auch unumwunden zugeben, die Idee zur Ringvorlesung habe zunächst einen nostalgischen Ansatz verfolgt (sie wurde wahrscheinlich auch ein Stück weit als Achtziger-Happening begriffen?), mögen derlei Anwandlungen (u.a. mit gemeinsamem Hörspielhören) auch zur Dramaturgie einzelner Vorlesungen gehört haben und selbst wenn im Klappentext von "großer Empathie für den Gegenstand" die Rede ist: zwischen den Buchdeckeln sind Nostalgie und Verklärung ganz offensichtlich keine Option. Gelegentlich könnten sich ungewollt komische Kontraste einstellen, so z.B. wann immer die gelehrte, bisweilen mit Fachvokabular reichlich verschraubte Analyse auf die als Belege eingestreuten Zitate aus den Hörspielen prallt, und so schrammen an der einen oder anderen Stelle verklausuliert dozierende, kaum eine Atempause einlegende Gedankengänge haarscharf an der Wissenschaftsparodie vorbei. Tatsächlich jedoch sind die Beiträge in ihrer Professionalität über jeden Zweifel erhaben.

Dass die Artikel im Buch in drei Sektionen gruppiert werden, erstaunt allerdings. Es erscheint nicht nur unnötig - zumal es bei den ersten beiden Sektionen auch formal durch nichts gerechtfertigt ist -, sondern es verwundert bei der dritten Sektion regelrecht, denn deren Überschrift "Hörspieladaptionen nach Kinderbuchklassikern" und der im Vorwort für sie verwendete Begriff "Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur" scheinen sich dezidiert von den vorherigen, nur bei den Titeln genannten Hörspielserien distanzieren zu wollen. Nun besteht jedoch zum einen zwischen "Kinderbuchklassikern" und "Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur" ein terminologischer Unterschied - der erste Begriff in der Sektionsüberschrift trifft vermutlich nicht auf alle von ihr gemeinten Bücher zu, da hiermit vorzugsweise die wirklich alten Erzählstoffe gemeint sind, zu denen Pippi Langstrumpf bereits gezählt wird, die anderen eher noch nicht. "Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur" sind die besprochenen Bücher allemal, aber da dieser Terminus allgemeinhin nicht qualitativen Maßstäben folgt, sondern daran gemessen wird, ob es einem kinder- und jugendliterarischen Stoff gelingt, über mehrere Generationen hinweg rezipiert und dafür gegebenenfalls - auch vom eigentlichen Medium losgelöst - immer wieder neu adaptiert oder gegebenenfalls gar neuerfunden zu werden, sind Serien wie Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg, Fünf Freunde und auch Ein Fall für TKKG daher ohne Frage ebenso Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur bzw. -medien. Das sei hier nur deshalb so betont, weil die Herausgeber in ihrem Vorwort erklären, mit diesem Forschungsprojekt die "Dichotomie von Hoch- und Alltagskultur" aufbrechen zu wollen. Das gelingt ihnen mit dem Sammelband auch, keine Frage, aber vertieft eine solch einseitige Zuschreibung des Prädikats "Klassiker" nicht wieder den Graben zwischen U- und E-Kultur?

In der ersten Sektion stehen die beiden Hörspielklassiker aus Neustadt im Mittelpunkt des Forschungsinteresses:
Oliver Emde untersucht Benjamin Blümchen aus der Perspektive politischer Bildung. Im Rückgriff auf einige Jahre zuvor öffentlichkeitswirksam erhobene Vorwürfe, der Elefant tröte einseitig links, trampele gegen die stets ins Lächerliche gezogenen Staatsgewalten an und sei daher den jungen hörspielhörenden, angehenden Staatsbürgern ein gefährliches Vorbild, entdeckt Emde neben allerlei Simplifizierungen sehr wohl auch Ansätze problemorientierter Partizipation innerhalb und außerhalb der institutionalisierten Politik im Sinne einer liberalen Demokratie und lebendigen Gesellschaft, die dann und wann auch Formen außerparlamentarischer Opposition und zivilen Ungehorsams miteinschließt, wie sie hierzulande bereits des öfteren gelebt wurden.
Ganz anderen Folgen der gleichen Serie widmen sich Franziska Müller und Daniel Bendix in einer vergleichenden Analyse, die eine Handvoll Expeditionsabenteuer vor allem im internationalen Nord-Süd-Gefälle präsentiert und inmitten von fremdartig exotischen, gleichsam enthistorisierten Fabelwelten allerlei bedenkliche Geschichtsklitterungen und Rollenspiele (post)kolonialer Prägung freilegt, in denen die Protagonisten als Touristen, Entwicklungshelfer oder Zivilisationsbringer herumtapsten und auch vor Inszenierungen rassistischer Klischees nicht gefeit seien. Ähnlich wie im nachfolgenden Beitrag überprüfen Müller und Bendix die Hörspiele auf mögliche subversive Lesarten, sehen allerdings nur schwache Ansätze, die ihrer Meinung nach ausbaufähig sind: als Besonderheit werden am Ende drei Plots entworfen, mit denen Benjamin Blümchen in der Realität ankommen und richtiggehend komplexe Denkanstöße vermitteln könnte. Ob dies die Serie revolutionieren oder ad absurdum führen würde, bleibt natürlich offen.
Ähnlich wie Elfie Donnelly ihren Benjamin Blümchen einmal als "grünen Elefanten" charakterisierte, reitet Bibi Blocksberg der eigenen Einschätzung ihrer Erfinderin zufolge auf ihrem Hexenbesen als Speerspitze der Frauenpower - dies klingt honorig, doch Kerstin Wolff holt diesen Deutungshöhenflug auf den Boden der Tatsachen zurück, da für einen solchen, in Ironie verpackten emanzipatorischen Subtext die Substanz fehle. Der Serie wird das ernüchternde und gleichsam vernichtende Zeugnis ausgestellt, die von der Autorin behauptete, bestehende Strukturen in Frage stellende und doppelbödig gebrochene Meta-Ebene funktioniere schlichtweg nicht, so dass in Bibi Blocksberg eben doch stets spießige Bürgerlichkeit und konservative Geschlechterbilder obsiegten und sich darin - weibliches Hex-hex-Privileg hin oder her - jene innerfamiliären, patriarchalen Rollenmuster widerspiegelten, die unter der christlich-liberalen Regierungskoalition im Westdeutschland der 1980er Jahre bleierne Urständ feierten.

Erweis sich bereits in der ersten Sektion die Fallhöhe zwischen Forschungsgegenstand und Analyse als beträchtlich, wird es nun in der zweiten Sektion bisweilen abgrundtief trashig. Die Fünf Freunde, TKKG und Masters of the Universe finden keine Fürsprecher und so wird deshalb auch in diesen drei Aufsätzen vieles Richtiges gesagt (aber eigentlich wiederum nichts, was wirklich überraschen würde!):
Enid Blytons hoffnungslos veraltetes Dramaturgieprinzip der Fremdenfeindlichkeit wird von Sebastian Lotto-Kusche am besonders auffälligen wie durchsichtigen Antiziganismus vorgeführt, so dass den Leserinnen und Lesern aus zwei Folgen der originalen Fünf Freunde-Serie eine maliziöse Mischung aus Klischees romantisierter Rückständigkeit und latenter bzw. offener Kriminalisierung der "Zigeuner" entgegenschlägt. Dass alle Aufsätze dieses Buches stets monothematisch um eine Serie kreisen, engt allerdings den Spielraum des Artikels ein wenig ein - hätten nicht auch andere Blyton-Produkte sowie weitere Serien (vgl. das folkloristische "Zigeuner"-Personal der frühen drei ???-Folgen Robert Arthurs oder besonders widerwärtige Passagen bei Ein Fall für TKKG) hinzugezogen werden können? Der kurze Artikel geht lieber der ebenso sinnvollen Frage nach, inwieweit Überarbeitungen ratsam sind, vermeidet aber ausführliche Details zu den tatsächlich erfolgten Eingriffen, so dass hier nicht geklärt wird, wie weit die Überarbeitung im englischsprachigen Raum und hierzulande (vermutlich getrennt voneinander) bei Blytons Büchern vorangeschritten ist, sprich: wie viel Fremdschäm-Pädagogik noch durch die derzeit erhältlichen Ausgaben wabert und wie original diese Bücher eigentlich noch sind. Dass Lotto-Kusche schließlich mögliche Ansätze aufzeigt, wie man Sinti und Roma (und somit auch andere diskriminierte Minderheiten) als Personal trivialer Serienstoffe in verantwortungsbewusster Weise einbinden könnte, sollte den hoffentlich mitlesenden Hörspielproduzenten zu denken geben.
Zur Binsenweisheit geronnen sind die erzählerischen Missstände bei Ein Fall für TKKG, wo besonders oft und in krasser Form Gut und Böse, ingroup und outgroup aneinandergeraten. Wer wüsste nicht, dass die Etikettierung beider Welten über die hehren Werte und Normen der Protagonisten erfolgt und bei einigen möglichen positiven Nebeneffekten (genannt wird die rigide Haltung gegenüber harten und auch weichen Drogen) vor allem dazu führt, dass in der Millionenstadt die Grenzüberschreitung an der Tagesordnung ist? Beweise für das übersteigerte Selbstbewusstsein von TKKG, ihre Maßregelungen und Anfeindungen von Außenseitern und ihre viel zu oft als Selbstverteidigung ausgelegte Aggression gegenüber abweichendem Verhalten gibt es zuhauf; dass diese Xenophobie allzu oft mit der Zuschreibung verbrecherischer Handlungen einhergeht, lässt sich ebenfalls mit vielen grotesken Dialogpassagen belegen. Frank Münschke schöpft hierfür aus den ersten zwanzig Folgen, hätte aber gerade auch in Stefan Wolfs Alterswerk fündig werden und zumindest andeuten können, welchen Weg die Serie nach Wolf eingeschlagen hat. Nichtsdestotrotz ist es wahrlich kein geringes Verdienst, wenn diese Kriminalgeschichten in sachlicher und stringenter Form vor der Folie soziologischer Zuschreibungs- und Stigmatisierungstheorien als ganz und gar nicht subtiles Werkzeug pädadogischer Indoktrination in all ihrer schäbigen Deutlichkeit vorgeführt werden. Ohne eine Stellungnahme zu Ein Fall für TKKG wäre dieser Sammelband wirklich unvollständig; gleichwohl stellt sich die Frage, warum es die überaus interessant anmutenden Beiträge "Eine Schule für TKKG - die Kinderdetektiv-Serie im Spiegel der Demokratiepädagogik" und "Die Ferienbande - Albernheit als Mittel der Dekonstruktion" der 2015er Ringvorlesung nicht in den Band geschafft haben?
Sattsam bekannt ist auch die serielle Masche, wie der angeblich ewige, aber doch auf die 1980er Jahre beschränkte Kampf zwischen Rittern und Bestien in Masters of the Universe auf martialischem Wege mit allen Spielarten hegemonialer Männlichkeit stets aufs Neue, nein, aufs Alte ausgefochten wurde. Dankenswerterweise dekliniert Miriam Trzeciak auch zusätzlich anhand der Hörspielserie durch, inwieweit deren hunderttausendfach in bundesrepublikanische Kinderzimmer gespülter Spielzeugsoundtrack auf rein akustischer Ebene dieselben fragwürdigen Ziele verfolgte.

In der dritten Sektion wird es vor allem zeitgeschichtlich interessant, da ihre Autorinnen und Autoren das Klassikern der Kinder- und Jugendliteratur stets eigene Prädikat der Zeitlosigkeit beiseite legen und in den Texten so gründlich auf Spurensuche gehen, dass die drei Pippi Langstrumpf-Bücher von Astrid Lindgren, die beiden Jim Knopf-Bücher sowie Momo von Michael Ende und Paul Maars Geschichten vom Sams in ihren ursprünglichen zeit- und sozialgeschichtlichen Kontext eingebettet werden.
Gewiss, auch hier ist vieles bereits bekannt und zählt zum Konsens der Kinder- und Jugendliteraturforschung. Dass Pippi Langstrumpf, wie Lukas Möller plausibel darlegt, eine noch heute für äußerst lebendig erachtete emanzipatorisch-aufklärerische Reformpädagogik innewohnt, die allerdings auf anderer Ebene - gerade im dritten Band - durch kolonialistisch-rassistische Stereotypien getrübt wird, ist ebenso überdeutlich wie die gnadenlose Wucht, mit der in Michael Endes Momo die grauen Herren in die Welt der Menschen einbrechen, um sie nach dem "totalitären Prinzip" des Kapitalismus la Henry Ford zu knechten und auszusaugen - Sophie Schmitt lässt in ihrem Aufsatz daran keinen Zweifel. Wer Julia Voss' bereits 2009 publizierte Studie Darwins Jim Knopf noch nicht gelesen hat, erfährt hier in einer Kurzfassung, welche verblüffenden Bezüge zu Darwins Evolutionstheorie und zum Nationalsozialismus in Michael Endes Frühwerk Jim Knopf aufzuschlüsseln sind. Andreas Wickes Analyse von Paul Maars Geschichten um das Sams zeigt ausgewogen gleich mehrere Schichten verschiedener Lesarten und Deutungsebenen auf, die neben Anleihen bei der Psychologie der Romantik auch die Zeit der antiautoritären 68er-Bewegung und somit im Detail einige hochinteressante Überreste damals aktueller Anspielungen freilegen und Rückschlüsse auf den Entstehungskontext der Geschichte erlauben (von der Paul Maar allerdings auch selbst in Interviews bereitwillig berichtet). Gerade weil Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur es ihrer Mehrdeutigkeit verdanken, dass sich unterschiedliche Generationen die Stoffe immer wieder neu aneignen, ist ein Blick zurück zu ihrem eigentlichen Kern oftmals so erhellend.

Inmitten des gelungenen Abschlusses erstaunt in dieser letzten Sektion, wie wenig Aufmerksamkeit den Hörspieladaptionen der besprochenen Erzählungen geschenkt wird. Dass die Hörspielform hier in den Hintergrund rückt und fast ausschließlich als Zitatelieferant in Erscheinung tritt, indem Belegstellen in transkribierter Dialogform präsentiert werden und Trackpunkte anstatt oder neben Seitenzahlen als Quellennachweis dienen, zugleich aber nirgends die künstlerischen Gestaltungsmittel des Hörspiels (bis auf Ausnahmen bei Pippi Langstrumpf) mit Akzentuierungen und signifikanten Unterschieden beleuchtet werden, schmälert den Erkenntnisgewinn der Analysen keineswegs. Es mag auch stimmen, dass es sich bei den Hörspielfassungen größtenteils um vorlagengetreue Umsetzungen handelt. Der für diese Klassiker so wichtige Medienverbund wirkt jedoch eigenartig verzerrt, wenn neben den (für den Klassikerstatus wiederum nicht immer sonderlich relevanten) Hörspielfassungen die größtenteils viel bedeutsameren und einflussreicheren Verfilmungen komplett ausgeblendet und kein einziges Mal erwähnt werden. In diesem Zusammenhang wäre auch zu überlegen, ob der von der Ringvorlesung 1:1 übernommene Titel für das Buch gut gewählt war, da sich sein Untertitel eindeutig auf das Medium der Kinderhörspiele verengt, dabei aber die dritte Sektion dieses Buches ebenso wenig repräsentiert wie der Haupttitel, dessen Qualitätsspektrum "Von 'Bibi Blocksberg' bis 'TKKG'" die zuletzt besprochenen Erzählstoffe ganz bestimmt nicht umfasst. Verkauft der jetzige Titel das Buch nicht eindeutig unter Wert?

Von "Bibi Blocksberg" bis "TKKG". Kinderhörspiele aus gesellschafts- und kulturwissenschaftlicher Perspektive ist das erste wissenschaftliche Sammelwerk zu diesem Thema, welches sich in überzeugender Weise zugleich an die akademische Fachwelt und an eine breitere Öffentlichkeit richtet - insoweit ist es z.B. dem von Bettina Hurrelmann Mitte der 1990er Jahre herausgegebenen Sammelband Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur nicht unähnlich, indem es mit einzelnen Essays die Wirkungsgeschichte der besprochenen Stoffe aufblättert, aber stets auch Deutungsangebote macht und somit jenseits eines alleinigen Unterhaltungswerts ausdrücklich für eine reflektierte Lesart sensibilisieren möchte. Dass bei der Auslegung hier und da der Eindruck entsteht, als würde ohne Wenn und Aber die Deutungshoheit eingefordert, ohne dass andere Sichtweisen auch nur wahrgenommen werden, fällt nicht wirklich ins Gewicht, da das Buch insgesamt ein sehr differenziertes Bild zeichnet. Die Ernsthaftigkeit im Dienste des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns ist auch deshalb so erfreulich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass in zurückliegenden Jahren die wenigen Autorinnen und Autoren halbgarer, bestenfalls populärwissenschaftlich angehauchter Buchveröffentlichungen zum Thema Kinderhörspiel anschließend als "Hörspiel-Experten" durch die Medien hampelten, sich bisweilen vor die Karren von Hörspielproduzenten spannen ließen oder gleich selbst zu PR-Dienstleistern mutierten - den Verfasserinnen und Verfassern der nun vorliegenden Studie ist zu wünschen, dass sie mit solch zweifelhaften Aktionen nichts, aber auch gar nichts im Sinn haben und sich auf ihrem streng wissenschaftlichen Pfad durch nichts beirren lassen.

Wünschenswert ist zudem - neben einer möglichst weiten Verbreitung ihres Buches -, dass die Herausgeber künftig nicht nur den dritten und vorerst wohl leider letzten Teil ihrer Vorlesungsreihe auf schriftlichen Wege nachreichen, sondern dass sie überhaupt dem Thema treu bleiben mögen. Sich eine um die jüngsten Vorträge erweiterte Auflage (mit einem sinnvolleren Cover-Motiv?) zu wünschen, kommt allerdings einem Paradoxon gleich: wie viele potentielle Leserinnen und Leser spekulieren wohl darauf und verzichten deshalb auf den Kauf der Erstauflage - dabei dürfte eine erweiterte Auflage vermutlich nur zustande kommen, sofern sich die Erstauflage entsprechend verkauft? Aber wer weiß, vielleicht reicht es ja gleich für einen eigenständigen zweiten Band und man findet in Kassel Gefallen an der ja durchaus denkbaren Option, die verbleibenden Vorträge aus der Ringvorlesung durch zusätzliche Forschungsergebnisse aus anderen frischen wissenschaftlichen Quellen zu erweitern? Böte sich mittelfristig möglicherweise gar die Chance auf eine lockere Schriftenreihe? Das Potential ist allemal vorhanden, wie dieser - hoffentlich - erste Band es vorzüglich bewiesen hat.

Sven Haarmann (rocky-beach.com), 16.08.2016


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