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+++ Die EUROPA-Chronik. Ein Blick auf das erfolgreichste Hörspiellabel der Welt (Pop.de) +++

 
 
Was der Buchumschlag verspricht ...
CoverbildBibliographische Angaben:
Frank Boldewin / Wolfram Damerius: Die EUROPA-Chronik. Ein Blick auf das erfolgreichste Hörspiellabel der Welt, Schenefeld 2020 [Pop.de], 420 Seiten, € 34,95 [25,00 bei Vorbestellung der Erstauflage], ISBN: 978-3-8621-2250-9, veröffentlicht am 02.11.2020

Die Rückseite des Buchumschlages überlassen die Autoren ausschließlich einem Geleitwort von "Hörspielproduzentin Heikedine Körting über dieses Buch" (zusätzlich zu Körtings eigentlichem Vorwort im Buch):
"Schon als Kind war das Hörspiel ein Medium, für das ich mich richtig begeistern konnte. Besonders gern lauschte ich den Geschichten im Radio, die Eduard Marks erzählte. Aber auch eigene Geschichten erfand ich zusammen mit meiner Freundin, die dann auf Tonband aufgenommen wurden. Mit diesem Interesse lernte ich als Erwachsene Dr. Andreas Beurmann kennen, meinen späteren Mann. Er produzierte schon seit Mitte der 1960er Jahre Hörspiele unter dem Label EUROPA und gab mir, der Jurastudentin, die Gelegenheit, eigene Hörspielmanuskripte zu verfassen und bald darauf selbst auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Neben Hörspieladaptionen zahlreicher Märchen, Abenteuer und Klassiker der Weltliteratur waren es vor allem Serien, die bei unseren jungen Hörern besonders gut ankamen. Gegen Ende der 1970er Jahre war der rasante Erfolg des Labels EUROPA nicht mehr aufzuhalten. Vor allem Jugendkrimis wie Die drei ???, Ein Fall für TKKG und Fünf Freunde zählten zu den Rennern, die noch bis heute einen enormen Kultstatus bei den sogenannten Kassettenkindern genießen.
Zu diesen Hörspielfans von damals gehören auch Frank Boldewin und Wolfram Damerius, die Autoren der vorliegenden EUROPA-Chronik. Sie waren mir bereits durch ihre gut recherchierten und liebevoll illustrierten Beiträge zu Themen rund um EUROPA im Hörspielmagazin PLAYtaste aufgefallen. Im Rahmen eines Interviews entstand dann die Idee, ein Buch über die Geschichte des Labels EUROPA zu schreiben und damit gleichzeitig die Pionier-Arbeit meines Mannes zu würdigen.
Nun bin ich erstaunt über die Menge an Anekdoten und interessanten Geschichten, die die beiden Autoren ausgegraben haben. Vieles davon wurde bislang nie veröffentlicht. Für mich ist dieses Buch ein unverzichtbares Nachschlagewerk.
Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch Eure Heikedine Körting"

Rezension
Ein Buch über das Hörspiellabel EUROPA und das Lebenswerk von Heikedine Körting, Andreas Beurmann und vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern mitsamt ihrem über viele Jahrzehnte hinweg unfassbar hohen Ausstoß an Tonträgern, die mehreren Generationen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ans Herz gewachsen sind - ein solches Projekt ist ein großes Unterfangen. Dankenswerterweise liegt mit Die EUROPA-Chronik nun der erste Versuch einer gedruckten Werkschau vor, an dem die beiden Autoren Frank Boldewin und Wolfram Damerius nach eigenem Bekunden fünf Jahre lang gearbeitet haben.

Boldewin und Damerius sind auch die Herausgeber von PLAYtaste, einem zwischen 2012 und 2015 in neun Ausgaben online und gratis publizierten Hörspiel-Fanzine. Diesem einst im Geist der Hörspiel-Fankultur erstellten und unabhängigen, weil "keinerlei kommerziellen Gedanken" (O-Ton aus dem Impressum) verfolgenden Sammelsurium zumeist sehr lesenswerter Artikel und Rezensionen wurde dann allerdings im Jahre 2019 eine "Sonderausgabe" zur Neuauflage der EUROPA-Gruselserie hinzugefügt - ein Hörspielprojekt, an dem Damerius selbst als Grafiker und Zeichner mitwirkt, mit deren Produzenten er also inzwischen geschäftlich verbandelt ist. Diese Sonderausgaben-Nullnummer warf sämtliche journalistischen Grundsätze über Bord und verzwergte PLAYtaste zum dreisten PR-Vehikel in eigener Sache, zu einer EUROPA-Dauerwerbesendung zum Fremdschämen.

Das muss man wissen, wenn man nun Damerius' und Boldewins EUROPA-Chronik in die Hand nimmt - oder besser: in beide Hände, immerhin bringt das Buch stolze 2 Kilo auf die Waage, die auf mehr als 400 Seiten Superlativ auf Superlativ stapeln. Das fängt bereits im Vorwort an, in dem die beiden Autoren Heikedine Körting allen Ernstes als Hörspielkönigin titulieren - wohlgemerkt: sie tun dies ohne dringend gebotene Anführungszeichen und gehen damit der in den 1980er-Jahren für Körting kreierten Werbeformel "Märchenkönigin" auf den Leim, die man selbst bei EUROPA zumindest anfangs noch vornehm in Gänsefüßchen kleidete, aber irgendwann innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte in einem werbestrategischen Anfall von Größenwahn in "Hörspielkönigin" abgewandelt hat (vgl. das Buch von Prof. Dr. Andreas Beurmann: Die drei ???, die Hörspielkönigin und vieles mehr). Boldewin und Damerius schrecken noch nicht einmal davor zurück, ihrer Auftraggeberin die "Schirmherrschaft" - ein wohltätigen Projekten vorbehaltenes Ehrenamt - über ihr Buch anzudienen. Mit derlei Wortgeklingel ist immerhin klargestellt, wer in der EUROPA-Chronik die Regie führt, zumal die beiden langjährigen Tonstudio-Mitarbeiterinnen Hella von der Osten-Sacken und Susan Jarling laut Impressum das Lektorat übernahmen. Unter solchen Arbeitsbedingungen ist objektive Geschichtsschreibung schlechterdings nicht möglich.

Aber darauf kommt es der von vorne bis hinten autorisierten EUROPA-Chronik auch gar nicht mehr an. Sie stützt sich vielmehr auf den unbestreitbaren Vorteil, mit bislang nicht bekannten Quellen auftrumpfen zu können, denn neben den reichlichen, obligatorischen Interviews durften Boldewin und Damerius vor allem im Archiv des Tonstudios und in einigen privaten Sammlungen und Nachlässen weiterer Firmengründer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Vollen schöpfen - was aber nicht automatisch bedeutet, dass sie wirklich alles zeigen.

Es ist eine Leistung für sich, wenn Die EUROPA-Chronik streng chronologisch gegliedert ist und die Geschichte von den Anfängen der Miller International-Vorläufer bis in die Gegenwart von Sony Music Family Entertainment minutiös verfolgt. Doch stößt sie dabei schnell an gewisse Grenzen, sobald der Output parallel produzierter Tonträger fast schon verstörende Ausmaße annimmt. Die Chronik kommt extrem bildgewaltig daher, was den ebenfalls reichlich vorhandenen Text zwangsläufig nicht nur an den Rand und in freie Lücken drückt, sondern auch ins Kleingedruckte zwingt. In knallbunter Optik und hochprofessionellem Layout rauschen Unmengen bunter Cover, Merchandise-Artikel und Fotos vorbei, wobei die zahlreichen Schnappschüsse aus Studio und Sprecherkabine sowie von aggressiven "Propaganda"-Verkaufsständen wesentlich interessanter sind als die vielen absurden Höher-Schneller-Weiter-Preise, die man sich kontinuierlich gegenseitig in die Hände drückt.

Dass Heikedine Körting den innerhalb mehrerer Jahrzehnte angehäuften Archivalien ihres Tonstudios offenbar stets die notwendige Wertschätzung entgegengebracht und ihr Archiv in weiser Voraussicht bis zum heutigen Tag gepflegt und aufbewahrt hat, so dass es eben nicht peu à peu in fremde Hände gegeben, kaputtdigitalisiert oder entsorgt wurde, ist bei all den überstandenen Firmenfusionen und Neustrukturierungen alles andere als selbstverständlich und vielleicht die allergrößte Leistung überhaupt. Der eigentliche Archivschatz offenbart sich somit weniger in der Flut fertiger Produkte und lautstarker Wegwerf-Werbung, sondern in den einzigartigen und umso kostbareren Dokumenten der kreativen Hörspielarbeit: diese werden in der EUROPA-Chronik jedoch nur angedeutet, wenn einige Fotos von Tonbändern, Coverillustrationen sowie getippte und bekritzelte Hörspielskripte ins Bild rücken - letztere sind zumeist auf die erste Seite oder nur auf ein Titelblatt beschränkt. Zwar wird erzählt, wie Peter Folken sein erstes Winnetou-Skript zerriss und es von Konrad Halvers Mutter wieder zusammengeklebt wurde, doch gezeigt wird es nicht. Das zur Gruselserie herangezogene Skript ist erneut Der Pakt mit dem Teufel (bereits in der PLAYtaste-"Sonderausgabe" abgedruckt) und nicht etwa Das Duell mit dem Vampir, was wesentlich aufschlussreicher gewesen wäre. Wenn unter der ersten Seite von Dracula - Jagd der Vampire die nächsten Blätter durchschimmern und im angeschrägten Foto von Macabros (3): Konga, der Menschenfrosch Streichungen den Erzählertext bereits vor den Aufnahmen entschärfen, zeigt sich das Potential eben dieser Archivalien. Die EUROPA-Chronik bleibt hier weit unter ihren Möglichkeiten. Falls insgeheim bereits Themenbände zu einzelnen Serien angedacht sind, wären vollständige Faksimiles der Hörspielskripte fantastisch; könnte so nicht in Kooperation mit KOSMOS eine ernsthafte Edition aller Die drei ???-Hörspielskripte entstehen ...?

Einstweilen präsentiert Die EUROPA-Chronik von allem etwas und insgesamt ungeheuer viel - so viel, dass man vor der Überfülle kapituliert und sich detaillierter Bildnachweise (was stammt aus wessen Archiv oder Sammlung?) enthebt. Schade eigentlich, denn nicht immer ist zu unterscheiden, ob man nun zeitgenössisches Design oder nachempfundene, also auf alt getrimmte, aber eben nicht authentische Retro-Illustrationen vor sich hat, die mitunter - zumindest bei der 1987er Neuauflage der Gruselserie - aus der PLAYtaste recycelt worden sind. Boldewin und Damerius haben viel zusammengetragen, im Ergebnis aber hauptsächlich alles hintereinander weg montiert, was seitens Miller International zwecks Dokumentation der eigenen Marktmacht angehäuft und häppchenweise hinausposaunt worden ist. Wie damals scheint die Masse an Schauwerten auch hier vornehmlich auf Überwältigung abzuzielen. Zu Beginn der Chronik rekonstruieren Text und Bilder die Anfangsjahre und erklären tatsächlich, aus welchen verschiedenen Wurzeln sich die Firmengeschichte speist, aber dieses Niveau wandert irgendwann an die Oberfläche. Zwar kitzeln die Autoren auch später noch aus den Beteiligten die eine oder andere neue Information heraus, aber sie schürfen nicht mehr allzu tief und hecheln sich von Serie zu Serie, ohne auch nur zu notieren, von wann bis wann die einzelnen Reihen mit wie vielen Folgen erschienen sind. Wenn eine EUROPA-Chronik dieses Grundwissen nicht parat hat, wer dann? Entweder die drei (allesamt männlichen) Hörspielsammler, die auf einer Doppelseite ihre Kollektionen zur Schau stellen - oder aber die vielen Fanseiten und Internetprojekte, die sich seit Jahren und Jahrzehnten an den EUROPA-Hörspielen abarbeiten, in der EUROPA-Chronik allerdings nur in einem dürren Satz abgefertigt werden. Dass etliche nerdige Details, die Sammlerinnen und Sammlern ins Auge springen, neben dem Text am Rande liegenbleiben, versteht sich fast von selbst: niemandem ist aufgefallen, dass der auf einer ganzen Seite abgebildete Druckbogen der Die drei ???-Folge 29 für eine späte Auflage anno 1989/90 hergestellt wurde, die höchstwahrscheinlich nie in den Handel kam. Apropos: Inhalte zu den drei ??? verteilen sich auf etwa dreißig Seiten, was der Bedeutung dieses Klassikers mehr als gerecht wird - außer einigen unveröffentlichten Fotos und kuriosem Promo-Kram sind jedoch keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse zu erwarten.

Der EUROPA-Chronik mag es dennoch gelingen, den Anspruch einer allumfänglichen Gesamtschau zumindest zu suggerieren. Doch wo Licht ist, fällt auch Schatten und zwischen Klangjuwelen rostet akustischer Schrott vor sich hin. Solche Tiefpunkte fragwürdigen Geschmacks werden zwar vereinzelt mit blumigen Worten wegmoderiert, doch allzu Unterirdisches blenden die Autoren vorsichtshalber gleich ganz aus. Nach der Lektüre der EUROPA-Chronik könnte man meinen, tiefer als Fips Asmussen oder das Machwerk 18, 20, zwo, drei ... passe - Ein zünftiger Herrenabend sei EUROPA nie gesunken - weit gefehlt! Von offen sexistischen Witz- und Liederplatten (Ärztewitze am laufenden Band, Die strohblonden Torfstecher: Ein Ostfriese kommt selten allein ..., Ach duuu ... Musikalische Schwärmereien nach Noten) fehlt in dieser Chronik jede Spur, ebenso von der im wahrsten Sinne des Wortes grenzwertigen Folklore (Lieder aus deutschen Gauen, Oberschlesische Schnurren, Der fröhliche Ostpreuße) und anderen, extrem widerwärtigen Gespenstern der Vergangenheit: Das unscheinbare Kapitelchen zur Dokumentarserie lässt unappetitliche Fakten verschwinden, denn der karge Text und die Adenauer-Bebilderung dieser Reihe mit historischen Tonspuren verschweigen komplett den unverhältnismäßig großen Anteil an Aufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Titel jener elf Tonträger lauteten: Adolf Hitler: Das Dritte Reich - 1. Teil, 1933-1939; Adolf Hitler: Das Dritte Reich - 2. Teil, 1939-1945; Joseph Goebbels / Hermann Göring; Die Hitler-Jugend; Der Zweite Weltkrieg - 1. Teil, 1939-1940; Der Zweite Weltkrieg - 2. Teil, 1940-1945; Adolf Hitler: Die vollständige Tonaufnahme der Reichstagssitzung vom 19. Juli 1940 über den siegreichen Frankreich-Feldzug - 1. Teil; Adolf Hitler: Die vollständige Tonaufnahme der Reichstagssitzung vom 19. Juli 1940 über den siegreichen Frankreich-Feldzug - 2. Teil; Adolf Hitler: "Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!" - Die deutsche Kriegserklärung an Polen am 1. September 1939; Die Waffen-SS; Joseph Goebbels: "Wollt ihr den totalen Krieg?" - Die historische Kundgebung im Berliner Sportpalast vom 18. Februar 1943. Ebenso nebulös wie schwammig wird behauptet, Miller International habe die Dokumentarserie zurückgezogen, da sie "Kritik erfahren" habe: die Autoren adaptieren hier kurzerhand die verharmlosenden Formulierungen aus dem verlagseigenen Büchlein Die Miller-Story - anstatt offen auszusprechen, dass acht Folgen der Dokumentarserie durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Index gesetzt worden sind. Diese simple Wahrheit hätten sie den entsprechenden Akten im EUROPA-Archiv entnehmen können. Welche Zacken wären wem aus der Krone gefallen, hätte man einfach mal festgestellt, dass Miller International auch mit NS-Gebrüll Kasse gemacht hat?

Verdruckster Umgang mit unangenehmen Kapiteln schimmert auch anderswo durch, wenn die Autoren kleine oder große Bruchlandungen übertünchen. Kaum räumt die Chronik der Die drei ???-Abklatschserie mit ihrem auf der Frankfurter Buchmesse 2006 aufgeführten Start eine Doppelseite für schöne Fotos und breitbeinige Werbung ("Manchmal gibt es zwei Originale!") frei, da verpufft DiE DR3i auch schon wieder und es bedarf eines erheblichen Aufwands an Wortakrobatik, um nur ja nicht einzuräumen, wer den quälenden Rechtsstreit um die drei ??? vom Zaun gebrochen hat. Dass die Hörspielrevolte gegen den Buchverlag immer weniger verfing, die eigenen Argumente im juristischen, außergerichtlichen Finale zerschreddert wurden und der Tonträger-Tiger als Bettvorleger endete, kehrt man in der EUROPA-Chronik unter denselben. Dort liegt auch der legendäre Rechtsstreit mit Carsten Bohn: nur einmal orakelt der Text von "streitbefangenen Musikstücken", in Absätzen über Manfred Rürup wird von einer bis 1983 aufgenommenen "Vielzahl exklusiver Hörspielmusiken" geraunt. Selbst wenn Bohn - laut Auskunft der Autoren außerhalb ihres Buchs - eine Mitarbeit verweigerte und in der Chronik nicht auftauchen wollte, so hätte man seine Hörspielsoundtracks dennoch gebührend würdigen können, ja, müssen. Da das Thema stattdessen zwischen einigen Zeilen verschwindet und Bohn in nur wenigen anderen Nebensätzen als Randfigur in Erscheinung tritt, wird unweigerlich der Eindruck einer damnatio memoriae erweckt. Nebel steigt auch auf, wann immer superduper-erfolgreiche Serien wie Flitze Feuerzahn, Masters of the Universe oder Knight Rider für ihre rasanten Umsätze abgefeiert werden, ohne dass die Autoren auch nur im Ansatz ergründen, weshalb eben jene Serien nur wenig später - doch wohl aufgrund rasant gesunkener Umsätze? - wieder eingemottet wurden. Nur wenige Male (vor allem bei den ersten Erwachsenenhörspielen) werden schleppende Verkäufe und Flops klar thematisiert, ansonsten reiht sich in der EUROPA-Chronik Erfolg an Erfolg, Schokoladenseite an Schokoladenseite, PR-Geblubber an PR-Geblubber. Das ist auf die Dauer fürchterlich monoton und so zieht sich die Chronik ab Ende der 1980er-Jahre erheblich in die Länge, zumal sich auch das Vokabular abnutzt, so dass beispielsweise bis zum Ende des Buches vermutlich mehr als hundert Personen für irgendetwas "verantwortlich zeichnen". Wer nicht bald zu blättern beginnt, muss einiges ertragen.

Sogar der großspurige, mit pompöser Gutsherrenromantik versetzte Selbstinszenierungskitsch der 1980er-Jahre wird unironisch ausgebreitet, während das negative Echo auf so viel Prunk - vor allem ein gewisser Stern-Artikel des Kabarettisten Henning Venske, der Miller International als "McDonald's unter den Tonträgerfabrikanten" mit allzu spitzer Feder aufspießte - weiterhin im Archivgiftschrank vor sich hin schimmelt. Selbst professionelle Kritik wird weggebügelt: was Pädagogen an der industriell gefertigten Hörspiel-Konfektionsware auszusetzen hatten, mag ehedem überzogen gewesen sein. Doch es gab diese Warnungen vor den elektronischen Ersatzerzählern und die EUROPA-Hörspiele galten mitnichten allenthalben als rundherum hochwertige Vertreter ihres Genres. Schade, dass hier verschwiegen wird, welcher Einwände und Mahnungen sich Körting & Co. erwehren mussten, enthält doch selbst jeder Verriss mindestens ein Körnchen Wahrheit.

Dass man in der eigenen Chronik ausschließlich der Selbstdarstellung frönt, ist natürlich nicht verboten. Aber es ist auch ziemlich durchsichtig und dann kommt am Ende eben keine ausgewogene, nach objektiven Maßstäben ausgerichtete Firmengeschichte dabei heraus, sondern eine auf Hochglanz polierte Jubelschrift, die bei Erfolgen sehr genau hinsieht, aber bei weniger rühmlichen Episoden angestrengt wegschaut. Die beiden Autoren werden schon wissen, worauf sie sich da eingelassen haben. Die EUROPA-Chronik folgt jedenfalls unverkennbar einem schon länger zu beobachtenden Trend von Verlagen, einzelne Fans entweder als kreative Dienstleister oder als Chronisten einer Firmen- oder Serienhistorie anzuheuern; fast wirkt es so, als hätten Boldewin und Damerius in der Rodenwaldschule fleißig Kurse in Haus- und Hofgeschichtsschreibung absolviert.

Die EUROPA-Chronik ist trotz aller Vorbehalte immer noch eine gewichtige Fleißarbeit, weil dieser Schmöker wenigstens in der ersten Hälfte neue Einblicke in die firmeneigene Überlieferung ermöglicht und mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis jede Menge Fanservice liefert. Größte Nutznießerin der EUROPA-Chronik ist indes ihre Auftraggeberin (oh, Verzeihung: "Schirmherrin"), deren Lebenswerk zweifelsohne Respekt und Anerkennung gebührt - doch hätte es gewiss mehr verdient als eine porentief saubere Hagiographie. Weniger Weichzeichner und weniger Schönfärberei wäre mehr gewesen; dass Heikedine Körting Zwischentönen durchaus Raum gibt und an ihrem eigenen Ruhm auch mal selbstironisch kratzt, beweisen zahlreiche längere Radio- und Podcastgespräche. Aber eine EUROPA-Chronik, die Flecken verdeckt und vor Geschichtsklitterung nicht Halt macht, rollt eben doch nur wieder den roten Teppich aus für eine "Hörspielkönigin" und ihren Hofstaat, zu dem sich Boldewin und Damerius gesellen und ihre Weihrauchfässer schwenken. Das kann man so machen, allerdings sieht ein souveräner Umgang mit Geschichte anders aus und mit unabhängiger Fankultur hat das auch nichts mehr zu tun.

Sven Haarmann (rocky-beach.com), 21.06.2021


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